Wahlkampf-Furioso oder Gesundheitspolitik

Wahlkampf-Furioso oder Gesundheitspolitik

Knapp vor der Sommerpause und Mitten im Wahlkampf werden alle aktiv: Rasch noch soll das GRUG (Gesundheitsreformumsetzungsgesetz) beschlossen werden, VP-Chef Kurz präsentiert seine 10 gesundheitspolitischen Schwerpunkte, der Hauptverband reagiert teils zustimmend teils einschränkend, die Gesundheitsministerin forciert die PHC und ein einheitliches Krankenhausgesetz – das längst notwendig ist.

Und alle matchen sich um die Urheberschaft bei der Abschaffung des Pflegeregresses – im Übrigen eine uralte Forderung der Ärztekammer. Alles nur Wahlkampf Slogans und aktionistische Beschlüsse vor der Auflösung der Regierung, oder echte, nachhaltige Anliegen? Man wird sehen.

Wien verabschiedet sich – spät aber doch – von dem Krankenhausstrukturplan 2030 und setzt neue – alte – Schwerpunkte, die Auslagerung des KAV oder Teilrechtsfähigkeit wird noch verhandelt.

Eines klingt seltsam bekannt. Die unbedingte Aufwertung des Hausarztes als Direktansprechpartner des Patienten. Und als Vertrauensarzt.

Bekannt ist – und Fakt ist – dass bislang die Position des Hausarztes systematisch geschwächt wurde. Geringe Honorare, schwer zumutbare Arbeitsbedingungen, Kürzung der Kassenverträge, ständige Drohkeule durch PHC und andere teilweise privatisierte Formen und Kleinambulanzen oder Kliniken, dafür einen steigenden Wust an administrativen Belastungen.

Damit wurde das Gegenteil erreicht: Nur mehr wenige wollen heute Allgemeinmediziner werden, noch dazu da die Ausbildung eher verlängert als gestrafft und praxisnahe gestaltet wurde. (Hier muss auch die Ärztekammer optimieren). Kaum jemand mehr will am Land ordinieren.

Wir alle sollten die Sommerzeit zum Nachdenken nutzen und entemotionalisieren. Einen strategischen Plan entwickeln – gemeinsam mit Politik und Sozialpartnern – wie man ein in sich widersprüchliches System aufbricht und klare Ziele und Umsetzungspläne mit realistischer finanziellen Ansätzen erstellt.

Dass man mehr Geld benötigen wird, ist allen klar: Steigende Lebenserwartung, tendenziell sinkende Einnahmen der Sozialversicherungen, steigende Kosten durch Medikamente und neue Technologien und dynamische Entwicklung der Pflege- und Langzeitbetreuungsausgaben. (Nicht nur bei den älteren Menschen.)

Wenn hierin Einigkeit herrscht und ganzheitlich gedacht wird, könnte man in Österreich wieder jene vorbildhafte Versorgung erreichen, für welche wir einen internationalen Applaus erhielten. Niederschwelligen Zugang zur Spitzenmedizin und nachhaltige Betreuung.

Ganzheitlich denken bedeutet: Prävention von Kindheit an, forcierte Gesundheits- und Ernährungskunde in den Schulen, ausgeweitete Gesundenuntersuchung, wohnortnahe Erstversorgung, betreutes Gesundheitscoaching, kurative und medikative Medizin, Therapie, Rehabilitation und Pflege:

Alles das konzentriert und mit dedizierten Budgets ausgestattet aus zwei Töpfen: Sozialversicherungsgelder ausschließlich für ambulante Leistungen – in Spitälern und im niedergelassenen Bereich – Spitalskosten durch die Betreiber und aus Steuergeldern, Konzentration von Prävention und Pflege in einem gemeinsamen Budget.

Das alles sollte nicht unlösbar sein, wenn jeder der Beteiligten bereit ist, sich zu öffnen und ehrlich zu verhandeln.

Das sollte uns die Gesundheit allemal wert sein.

Ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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