Primärversorgung neu. Endlich ein erster Schritt?

Dr. Elke Wirtinger

Eine neue Zukunft für Allgemeinmediziner und die Erstversorgung

Ein bundesweiter Vertrag zur Primärversorgung steht – gerade noch rechtzeitig, bevor der Hauptverband der Sozialversicherungen aufgelöst wird. Die Ärztekammer konnte einen Großteil ihrer Vorschläge durchbringen. Details sind noch offen – vor allem individuelle Regelungen für die Bundesländer und die Honorarfrage.

Die Eckpfeiler laut bundesweitem Gesamtgesetz:

  • Das Kernteam besteht aus zumindest drei AllgemeinmedizinerInnen sowie einer diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegekraft, ergänzt durch ein/e OrdinationsassistentIn und allenfalls ein/e Kinderarzt/-ärztin.
  • Die PVE muss 40 bis 50 Stunden in der Woche und bis 19 Uhr am Abend geöffnet sein, um die Randzeiten abzudecken, den Bedürfnissen Berufstätiger besser entgegen zukommen und die Behandlung von Jugendlichen, chronisch Kranken zu gewährleisten sowie rehabilitative Therapie anzubieten.
  • Die Leitung der PVE muss stets einem Arzt/ einer Ärztin obliegen – damit wird die Übernahme durch Branchenfremde verhindert.
  • PVEs können in Form von Netzwerken größer werden
  • und disloziert sein, auch eine digitale Vernetzung ist
  • möglich

Der bundesweite Rahmenvertrag sieht vor, dass in den einzelnen Bundesländern je nach topografischen oder soziografischen Bedürfnissen individuelle Lösungen erarbeitet werden können. In Wien herrscht ein besonderer Mangel an (Kinder)PsychiaterInnen und KinderärztInnen, deshalb wird der Schwerpunkt auf derartige Kombinationen gesetzt (AllgemeinmedizinerIn, PsychotherapeutIn oder KinderärztIn und Pflegekraft). So können weitere Gesundheitsberufe verbindlich und strukturiert hinzugezogen werden

Das Motto für die PVEs heißt also: Teams, Vernetzung und Arbeitsteilung statt Einzelgänger.

Alternativ zu einer Primärversorgungseinheit kann ein Primärversorgungsnetzwerk aufgebaut werden. Ein (Ärzte)-Netzwerk arbeitet – an verschiedenen Standorten – gemeinsam, und tritt nach außen hin als Einheit auf. Für das dislozierte Ärzte-Netzwerk stehen die Rechtsformen einer OG und GmbH sowie beispielsweise Vereins- und Genossenschaftslösungen zur Verfügung. Jede PVE muss zwingend eine eigene Rechtspersönlichkeit aufweisen.

Zudem wurde seitens des Gesundheits- und Sozialministeriums ein Leitfaden herausgegeben, der Orientierungshilfe für die Gründung einer PVE gibt.
Anlässlich dieser Thematik beschäftigte sich auch BDO mit „Primärversorgungseinheit in der Struktur eines Netzwerks (PVN)“. Es diskutierten hochkarätige Experten unter Anwesenheit von Ärzten und weiteren Interessierten.

Ergänzung, nicht Ersatz
Eines ist jedoch klar: PVE sind lediglich Ergänzung, nicht Ersatz des Hausarztes: zum Bespiel am Land aber auch in rasch wachsenden Städten und zur Entlastung der Spitalsambulanzen. Allein ordinierende AllgemeinmedizinerInnen wird es auch weitergeben. Menschen brauchen ÄrztInnenihres Vertrauens, die mehr sind als nur MedizinerInnen, sondern Gesundheitsbegleiter, Zuhörer und Mediatoren.

Ärztemangel bleibt
Und etwas ist auch klar: Der Der ÄrztInnenmangel wird damit nicht behoben. Im Gegenteil: Wir brauchen in Wien zumindest 300 bis 400 zusätzliche praktische ÄrztInnen, um den Bedarf abzudecken und die absehbare Lücke durch Abgänge älterer KollegInnen zu schließen.

Entscheidend wird – und das trifft auch auf alleinordinierende AllgemeinmedizinerInnen zu – aber die Honorierung sein. Schließlich ist der
administrative und langzeitpflegende Aufwand in den PVE höher.

Ausständig sind und bleiben: eine angemessene Honorierung der AllgemeinmedizinerInnen, eine deutliche Steigerung der Honorare für Hausbesuche und infrastrukturelle Erleichterungen. In Wien wurden bereits dementsprechende Maßnahmen getroffen.

Die Aufwertung des Hausarztes / der Hausärztin als erste Ansprechstelle der PatientInnen ist nach wie vor das große Ziel und Muss. Und dafür müssen wir noch kämpfen und arbeiten. Es muss wieder attraktiv werden, AllgemeinmedizinerIn zu werden. Viele PatientInnen wissen das schon seit langem zu schätzen. Die Politik offensichtlich noch nicht.

PVE Auf einen Blick

Rechtsformen
Gesellschaft mit beschränkter Haftung: Kapitalgesellschaft, deren Stammkapital in Geschäftsanteile mit Stammeinlagen zerlegt ist. Das Stammkapital muss mindestens 35.000 Euro betragen. Die Gesellschafter haften mit ihrem gesamten Gesellschaftsvermögen, aber es besteht keine direkte oder persönliche Haftung. Wesentlich ist, dass die Gesellschafter Ärzte sind.

Offene Gesellschaft: Besteht aus mindestens zwei Gesellschaftern, die persönlich, unbeschränkt und solidarisch haften. Gesellschafter einer OG können natürliche und juristische Personen sein. Alle Gesellschafter sind allein geschäftsführungsbefugt.

Alternativ zu einer Primärversorgungseinheit kann ein Primärversorgungsnetzwerk aufgebaut werden: Ein (Ärzte)Netzwerk
arbeitet – an verschiedenen Standorten – gemeinsam, und tritt nach außen hin als Einheit auf.

PVE in Wien
Medizin Mariahilf, seit 2015
• 3 AllgemeinmedizinerInnen
• 7 Assistentinnen
• 4 Diplom. Gesundheits- u. KrankenpflegerInnen
• 1 Diätologin
• 1 Psychotherapeutin
• 1 Ordinationsmanagerin
Primärversorgung Donaustadt
(Primary Health Care), seit 2017
• 3 AllgemeinmedizinerInnen
• 1 Diplomierten Gesundheits- und KrankenpflegerIn
• 1 OrdinationsassistentIn nach dem MAB-G
• 1 DiätologIn
• 1 PsychotherapeutIn
• 1 OrdinationsmanagerIn
• 1 EmpfangsmitarbeiterIn
In Planung: Primärversorgungszentrum
1150

 

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